Landkreis Holzminden (red). Der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung für Grundschulkinder tritt ab dem Schuljahr 2026/2027 schrittweise bundesweit in Kraft. Grundlage ist das Ganztagsförderungsgesetz (GaFöG), das 2021 von Bundestag und Bundesrat beschlossen wurde. Zunächst erhalten Kinder der ersten Klassenstufe einen Anspruch auf ganztägige Förderung, anschließend wird dieser jährlich auf die weiteren Jahrgänge ausgeweitet.
Vor diesem Hintergrund hatte der CDU-Kreisverband Holzminden Mareike Lotte Wulf, Mitglied des Deutschen Bundestages und Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend, eingeladen, um gemeinsam mit Akteuren aus dem bereits bestehenden Ganztagsbereich über die Umsetzung im Landkreis Holzminden zu sprechen.
Qualität und Rahmenbedingungen
Für Mareike Lotte Wulf habe die Ganztagsbetreuung eine gesamtgesellschaftliche Bedeutung. Es sei wichtig, Familien bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu unterstützen, Bildungschancen zu verbessern und die Betreuungslücke nach der Kita-Zeit zu schließen. Es komme aber entscheidend darauf an, Kinder stärker individuell zu fördern sowie soziale, kreative und sportliche Angebote auszubauen. „Deshalb kommt es auf die Qualität der Nachmittagsbetreuung an“, forderte das Mitglied der Bundesregierung. Hier müsse die Landesregierung die Rahmenbedingungen schaffen. Denn in Niedersachsen erfolge die Umsetzung derzeit auf Grundlage des erst kürzlich veröffentlichten Erlasses des Kultusministeriums zur Arbeit in Ganztagsschulen. Viele Details zur praktischen Ausgestaltung würden aktuell zwischen Schulträgern, Jugendhilfeträgern und Schulen abgestimmt.
Umsetzung noch im Aufbau
Als Jugendhilfeträger ist der Landkreis Holzminden für die Umsetzung des Rechtsanspruchs zuständig. Hierzu wurde bereits im vergangenen Jahr eine Vereinbarung mit den Schulträgern getroffen, die gemeinsam mit ihren Schulen entsprechende Angebote entwickeln sollen. In der Diskussion wurde aber deutlich, dass sich die Träger noch mitten im Umsetzungsprozess befinden. Noch sind nicht alle Grundschulen Ganztagsschulen, sodass zunächst die notwendigen Strukturen geschaffen werden müssen. Besonders herausfordernd sei zudem die Umsetzung des Rechtsanspruchs an der Förderschule.
Vertreter des Vereins für Sozialpädagogik, von Projekt Begegnung, der Musikschule Holzminden, des Kreissportbundes sowie anwesende Lehrkräfte machten deutlich, dass für eine erfolgreiche Umsetzung dringend alle beteiligten Akteure an einen Tisch gebracht werden müssten, um gemeinsame Konzepte zu entwickeln. Die CDU-Kreistagsfraktion hatte hierzu bereits einen entsprechenden Antrag in den Kreistag eingebracht, der jedoch keine Mehrheit fand.
Forderung nach enger Zusammenarbeit
Der Vorsitzende der CDU-Kreistagsfraktion, Uwe Schünemann, machte deutlich: „Heute zeigt sich, wie wichtig es gewesen wäre, frühzeitig alle Beteiligten strukturiert zusammenzubringen. Genau das war Ziel unseres Antrags. Der Ganztag kann nur gelingen, wenn Schulen, Jugendhilfe, Vereine und außerschulische Partner gemeinsam planen und nicht nebeneinander arbeiten.“
Im Rahmen dieses Antrags wurde unter anderem vorgeschlagen, für die Grundschulen ein teilgebundenes oder gebundenes Ganztagsangebot zu prüfen. Aus Sicht der Anbieter würde dies die Bildungsqualität deutlich verbessern. So könnten beispielsweise die bei Musikschule und Kreissportbund eingesetzten Lehrkräfte und Übungsleiter auch am Vormittag deutlich umfangreichere Angebote machen und ihre Kompetenzen besser in den Schulalltag einbringen.
Blick nach Kanada und Kritik am Zeitplan
Mareike Lotte Wulf berichtete in diesem Zusammenhang von einer Delegationsreise nach Kanada: „Während Unterricht und Betreuung in Deutschland noch oft getrennt betrachtet werden, ist es in Kanada längst selbstverständlich, beides zusammen zu denken. Der Ganztag wird dort gezielt zur Lernförderung genutzt. Dazu werden die individuellen Bedarfe der Schülerinnen und Schüler genau ermittelt und maßgeschneiderte Förderangebote erstellt. Kanada ist mit diesem Ansatz im internationalen PISA-Vergleich sehr erfolgreich. Wir sind in Deutschland gut beraten, uns das eine oder andere abzuschauen.“
Deutliche Kritik äußerten die Anbieter jedoch mit Blick auf den Zeitplan der Umsetzung: „Zwei Monate vor Beginn des neuen Schuljahres stehen wir noch ganz am Anfang der Planung.“
Die stellvertretende Kreisvorsitzende und bildungspolitische Sprecherin der CDU-Kreistagsfraktion, Sabine Echzell, zog abschließend das Fazit, dass der Rechtsanspruch nur dann erfolgreich umgesetzt werden könne, wenn Schulen, Jugendhilfe, Vereine, Musikschule, Sportverbände und Politik eng zusammenarbeiten. Entscheidend sei jetzt, bestehende Angebote sinnvoll zu vernetzen, regionale Strukturen zu stärken und den Ganztag nicht nur als Betreuungsangebot, sondern als echte Chance für bessere Bildung und individuelle Förderung zu verstehen.
Foto: CDU Kreisverband Holzminden