Landkreis Holzminden (awin). Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) hat seine Strukturen in Niedersachsen neu geordnet und die Region organisatorisch gestärkt. Von der Neuausrichtung betroffen sind die Geschäftsleitung in Hannover sowie das Servicebüro in Holzminden. Mit Ute Neumann als neuer Regions-Geschäftsführerin und Patricia Dohle als Ansprechpartnerin vor Ort soll die Arbeit des DGB sichtbarer werden – insbesondere im Landkreis Holzminden.
Neue Führung für Region Niedersachsen-Mitte
Anfang Dezember 2025 wurde Ute Neumann auf der DGB-Bezirkskonferenz zur Regions-Geschäftsführerin der neu zugeschnittenen Region Niedersachsen-Mitte gewählt. Die Region erstreckt sich von Holzminden über Hildesheim und Hannover bis nach Lüneburg. Entstanden ist sie durch die Fusion der bisherigen Region Nordost-Niedersachsen mit Teilen von Niedersachsen-Mitte.
Ziel der Zusammenlegung sei es, die Schlagkraft zu erhöhen und Kompetenzen zu bündeln. „Wir sind jetzt ein viel größeres Team und können uns viel besser vertreten. Und gerade im politischen Bereich geht es oft darum, welches Argument man an welcher Stelle anführen kann. Und da kommt man mit mehreren Köpfen zu besseren Resultaten“, so Ute Neumann. In der neuen Region arbeiten derzeit zwölf Beschäftigte. Der Fusionsprozess sei jedoch noch nicht abgeschlossen, die Teams befänden sich weiterhin im organisatorischen Zusammenwachsen.
Servicebüro Holzminden bleibt wichtiger Anlaufpunkt
Das Servicebüro in Holzminden besteht seit 30 Jahren. Bis zum vergangenen Sommer wurde es von Birgit Schulze geleitet, die in den Ruhestand gegangen ist. Patricia Dohle hat die Nachfolge übernommen und ist aktuell alleinige Ansprechpartnerin im Landkreis. „Ich fungiere hier als Ansprechpartner vor Ort, damit speziell ältere Menschen ein Gesicht haben, das für den DGB steht und die Region kennt“, so Dohle.
Einmal im Monat treffen sich die Gewerkschaften im Kreisverband in Holzminden, um sich auszutauschen und bei Konflikten zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern zu vermitteln. Neben dem Servicebüro in Holzminden unterhält der DGB Niedersachsen-Mitte ein Hauptgeschäftsbüro in Hannover sowie eine Geschäftsstelle in Lüneburg.
Die Präsenz in Holzminden hat für die Regions-Geschäftsführerin besondere Bedeutung. Aufgrund der eingeschränkten Verkehrsanbindung sei eine schnelle Anreise aus Hannover nicht immer möglich. Zudem spiele die wirtschaftliche Struktur des Landkreises eine Rolle: Mit Symrise und Stiebel Eltron haben zwei große Arbeitgeber ihren Hauptsitz in der Stadt.
Tarifbindung und Sozialstaat im Fokus
Nach Angaben von Ute Neumann sieht der DGB zwei zentrale Aufgaben: gemeinsame Positionen der Mitgliedsgewerkschaften politisch voranzubringen und bei unterschiedlichen Auffassungen Einigkeit herzustellen. Letzteres sei „in einer derzeit tief gespaltenen Gesellschaft sehr schwierig“.
Ein Schwerpunkt sei die Tarifbindung. Laut Neumann halte sich nur noch etwa die Hälfte der Betriebe an Tarifverträge. „Wenn sich Betriebe an Tarife halten, gibt es bessere Arbeitsbedingungen und die Arbeitsverdichtung kann besser reguliert werden. Zudem kommen Menschen, die nach Tarif bezahlt werden, lieber ihrem Job nach, sind produktiver und bleiben dem Arbeitgeber länger treu. Das alles bringt mehr Geld in die Kassen des Staates. Die Tarifflucht ist eine Ursache der aktuellen Probleme mit dem Sozialstaat“, erklärt Ute Neumann.
Kritik an Aussagen zur Arbeitsmoral und Rentenpolitik
Deutlich positioniert sich die Gewerkschafterin gegenüber Äußerungen von Kanzler Friedrich Merz zur sogenannten „Lifestyle-Freizeit“ und der Forderung, die Menschen müssten mehr arbeiten. Neumann dazu: „Menschen in der Gänze als zu faul und zu krank zu beschimpfen, hilft nicht, sondern bewirkt eher das Gegenteil und treibt die Leute zu nichtdemokratischen Parteien.“
Beim Thema Rente fordert sie ein stabiles Niveau: „Das Rentenniveau muss mindestens bei 48 % bleiben, eigentlich sogar wieder auf 50 % ansteigen. Wir haben kein Ausgabenproblem, sondern ein Einnahmenproblem. Und da müssen wir gucken, wo wir Potenzial haben, wieder mehr Geld ins System zu bekommen.“
Dieses Potenzial sieht sie unter anderem bei Frauen in Minijobs, bei der besseren Integration Zugewanderter in den Arbeitsmarkt durch Sprachkurse und Anerkennung von Abschlüssen sowie bei jungen Menschen ohne Ausbildungsplatz. „Wir haben viele junge Menschen mit Hauptschulabschluss und Migrationshintergrund, die keine Ausbildungsstelle finden, aber arbeiten wollen.“ Der DGB entwickle Ideen, um Betriebe und junge Menschen zusammenzubringen.
Ausbildung im Handwerk als Zukunftsfrage
Insbesondere im Handwerk sieht Neumann Handlungsbedarf. Der Altersdurchschnitt beim Ausbildungsbeginn liege inzwischen bei 23 Jahren. Nur noch jeder fünfte Handwerksbetrieb bilde aus. Als mögliches Modell nennt sie einen Ausbildungsfonds, wie er im Bundesland Bremen existiert. Dort würden die Ausbildungskosten solidarisch auf alle Betriebe verteilt. Damit werden die Betriebe, die ausbilden, entlastet. Das gemeinsame Ziel muss es sein, wieder mehr Fachkräfte zu entwickeln.
Um mehr junge Menschen für eine handwerkliche Ausbildung zu gewinnen, setzt sie auf Förderinstrumente der Agentur für Arbeit. „Es gibt viele Instrumente der Agentur für Arbeit, die dabei helfen, junge Menschen zu entwickeln und zu guten Arbeitskräften zu formen.“ Der DGB wolle Betriebe beraten und unterstützen. „Wir können uns für Holzminden in diesem Bereich als DGB sehr stark machen“, führt Neumann weiter aus.
Am Beispiel der Region verweist Neumann auf aktuelle Entwicklungen: „Das Wärmepumpen-Geschäft bei Stiebel-Eltron läuft wieder an, Fachkräfte werden dafür gesucht und woanders aus dem Handwerk abgeworben, weil man in der Industrie natürlich besser verdient. Das Problem ist, dass in Niedersachsen nur 30 % der Handwerksbetriebe tarifgebunden sind. Die Unterschiede zur Industrie wären nicht so groß, wenn diese nach Tarif zahlen würden.“
Appell für Gewerkschafts-Eintritte
Neumann hofft, dass die Leute verstehen, was Gewerkschaften leisten. Ihr Ziel ist es, dass möglichst viele Arbeitnehmer einer Gewerkschaft beitreten: „Alles, was mit dem Bereich Arbeit zu tun hat, haben die Gewerkschaften ausgehandelt – vom Lohn über Arbeitszeit und Arbeitsbedingungen bis zu den Urlaubstagen. Und das kann auch wieder wegverhandelt werden.“
„Wir wollen, dass die Menschen eine gute Arbeit und ein gutes Leben haben. Das ist unser Hauptziel. Dafür verhandeln wir. Dass Menschen, die eine Arbeit haben, von ihrer Arbeit gut leben können. Das ist das Kerngeschäft einer Gewerkschaft.“
In Holzminden befindet sich das Service-Büro in der Wilhelm-Raabe-Straße 35. Telefonisch erreichbar unter 05531/4452 oder per E-Mail